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Bildungsdaten: Wozu und Warum?

Im Workshop II wurden das Bildungsmonitoring der Stadt Wiesbaden und der Stadt Offenbach näher vorgestellt. Beide Kommunen zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Bildungsberichterstattung nachhaltig verankert haben.

Heiner Brülle, Amt für Soziale Arbeit der Stadt Wiesbaden, und Dr. Jutta Laukart, INBAS GmbH, beantworten Fragen aus dem Publikum
Heiner Brülle, Amt für Soziale Arbeit der Stadt Wiesbaden, und Dr. Jutta Laukart, INBAS GmbH, beantworten Fragen aus dem Publikum

Bildungsbenachteiligung im Fokus

Heiner Brülle, Abteilungsleiter Grundsatz und Planung im Amt für Soziale Arbeit der Stadt Wiesbaden, berichtete zunächst über die Entwicklung der Bildungsberichterstattung in Wiesbaden. Das Bildungsmonitoring in der Stadt Wiesbaden gibt es seit der Beschlussfassung zum 1. Sozialbericht zur Bildungsbeteiligung im Jahr 2005. Es gibt in der Sozial- und Bildungsberichterstattung verschiedene Produkte. Dazu gehören das Wiesbadener Bildungsmonitoring, Geschäftsberichte zur Schulsozialarbeit, Kindertagesstätten, Elternbildung, Bezirkssozialarbeit, zur Arbeit des kommunalen Jobcenters und eine Sozialraumanalyse, die jährlich mit aktuellen Daten in Form eines Sozialatlasses ergänzt wird. Daneben werden themenbezogene Analyseberichte wie z.B. zur Armut von Kindern, Jugendlichen und Familien oder zur Umsetzung eines Handlungsprogramms zum Abbau herkunftsbedingter Bildungsbenachteiligung erstellt. Auf die Frage nach der Arbeitsweise im Amt für Soziale Arbeit weist Brülle auf die gute Ressourcenausstattung hin: Neben ihm selbst wirken fünf SoziologInnen bzw. SozialarbeiterInnen auf insgesamt 3,75 Vollzeitstellen und die Kommunalstatistik an den Datenanalysen mit. Beim Bildungsbericht und dem Bildungsmonitoring werden weitere Ämter beteiligt; es handelt sich um ein ressortübergreifendes Produkt der Kommunalstatistik, des Schulamtes, des Gesundheitsamtes und des Integrationsamtes.

Der Analysefokus der Bildungsberichterstattung liegt auf der Bildungsbeteiligung und auf den Bildungsergebnissen von der Frühbildung bis zum Übergang von der Ausbildung in den Beruf. Die Bildungs- und Sozialberichterstattung enthalten noch keine Handlungsempfehlungen. In einem ersten Schritt werden die ermittelten Daten und Informationen zur Lebenslage der Zielgruppe und zum Bestand der Angebote veröffentlicht, um in der Fach- und Stadtöffentlichkeit die Bedarfssituation über die Ergebnisse der Datenanalysen diskursiv  zu erschließen. So können wichtige Grundlagen der Bedarfsplanung breit und auch alternativ diskutiert werden. Die Befunde werden in Fachrunden und Ausschüssen vorgestellt und in Dienstbesprechungen und mit Vertretern der Presse  diskutiert. Dabei handelt es sich um ein zeitintensives und aufwändiges Vorgehen, erleichtert aber eine sachgerechte Diskussion und Bewertung der Analyseergebnisse, ohne zu schnell auf mögliche Handlungsvorschläge und deren Kosten zu verkürzen.

In den Blick genommen werden in der Bildungsberichterstattung Zielgruppen, deren Zugang zu Bildung erschwert ist. Das gilt insbesondere für Familien mit sozial-ökonomisch schwachem Hintergrund (mit oder ohne Migrationshintergrund) und deren Kinder. Die Erhebung der Daten und die Arbeit mit den Daten wird an die projektgebundene Arbeit angebunden. Für die Entwicklung der Datenerhebung werden Leitfragen herangezogen: "Welche Eingangsqualitäten haben die Teilnehmenden? Wer wird erreicht und – auch sehr wichtig – wer wird nicht erreicht? Was sind die direkten Ergebnisse, und worin liegen die Wirkungen der sozialen Dienstleistungen?" Die Daten werden immer auch sozialräumlich ausgewertet. Die sozialräumliche Bedarfslage wird mit einem Indikatorenbündel wie Haushalts- und Familienstrukturen (z. B. Zahl der Alleinerziehenden), Existenzsicherungsquote (SGB II und SGB XII), Erwerbsbeteiligung, Wohnsituation, Bildungsrisiken oder politische Teilhabe (Wahlbeteiligung und Wahlberechtigung) gemessen.

Handlungskonsequenzen aus den Daten ergeben sich auch direkt für die pädagogische Praxis: So wurde erst anhand der Erhebung und Analyse von Daten der Teilnehmenden entdeckt, dass Angebote der Familienbildung fast ausschließlich von Eltern mit Migrationshintergrund in Anspruch genommen. Nachfragen über ein sogenanntes "Scouting-Projekt" in den Stadtteilen haben ergeben, dass u.a. durch ein Bild auf dem Flyer, welches eine Frau mit Kopftuch zeigte, sich Familien mit nicht-muslimischem Hintergrund gar nicht erst angesprochen fühlten.

Kai Seibel, Leiter Fachstelle Bildungskoordinierung und Beratung der Stadt Offenbach, und Dr. Jutta Laukart (INBAS GmbH) im Gespräch
Kai Seibel, Leiter Fachstelle Bildungskoordinierung und Beratung der Stadt Offenbach, und Dr. Jutta Laukart (INBAS GmbH) im Gespräch

Bildungsmonitoring als Grundlage einer kommunalen Bildungsstrategie

Zentrales Produkt in der Bildungsberichterstattung in Offenbach ist der Erziehungs- und Bildungsbericht Offenbach (kurz: EBO), den es ebenfalls seit 2005 gibt. Ein Mitarbeiter des Hessischen Kultusministeriums und ein wissenschaftlicher Mitarbeiter des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) sind seinerzeit an die Stadt Offenbach mit der Idee herangetreten, einen kommunalen Bildungsbericht zu schreiben. Der damalige Schuldezernent unterstützte den Vorschlag. Ein Magistratsbeschluss wurde gefasst und in 2005 der erste Bericht vorgestellt. Der Bildungsbericht ist also politisch gewollt und dient in der Stadt Offenbach als Orientierung für die Bildungsentwicklung.

Der EBO wurde zunächst jedes Jahr fortgeschrieben. Ab 2010 wurde der Bericht im zweijährigen Turnus veröffentlicht. Kai Seibel, Leiter der Fachstelle Bildungskoordinierung und Beratung in der Stadt Offenbach, berichtet, dass der Bildungsbericht seit seinem ersten Erscheinen auch konzeptionell weiterentwickelt worden ist. Hatte der erste Bildungsbericht zunächst nur den Zeitraum von der Grundschule bis zum Ende der Sekundarstufe I abgebildet, ist der aktuelle Bildungsbericht am Lebenslauf ausgerichtet, d. h. von der frühkindlichen Bildung bis zur Weiterbildung. Die ersten Berichte hatten auch eher den Charakter von Rechenschaftsberichten mit Darstellung der Angebotsstruktur. Von dieser Art der Berichterstattung hat man sich wegbewegt. Einen großen Anteil daran hatte das Bildungsmonitoring, das im Rahmen von "Lernen vor Ort" (2009-2014) in der Stadt angesiedelt war. Nach Beendigung von Lernen vor Ort wird der Bildungsbericht federführend von der bei der Volkshochschule Offenbach angesiedelten Fachstelle "Bildungskoordinierung und Beratung" verantwortet. Dargestellt werden eine Vielzahl von Bildungsteilnehmer-Daten, u.a. zu Geschlecht, Migrationshintergrund, Sprachstand oder Struktur der Kita-Beitragszahler. Die Ziele, die sich mit der Bildungsberichterstattung in Offenbach verbinden, sind eine Verbesserung der Transparenz hinsichtlich der Datenlage, eine Sensibilisierung für besondere Problemlagen und eine Stärken- und Schwächenanalyse. Ab 2009 wurde die sozialräumliche Entwicklung in Grundschulbezirken mitberücksichtigt und von der Jugendhilfeplanung ein "Index bildungsrelevanter sozialer Belastung" entwickelt. Auch interkommunale Vergleiche haben verstärkt Eingang in die Offenbacher Bildungsberichterstattung gefunden. Die Fachstelle erachtet die Erarbeitung von Handlungsempfehlungen, basierend auf den Ergebnissen der Bildungsberichterstattung, als wichtig für die weitere Entwicklung. Die Ergebnisse des Bildungsberichts wurden bereits in den zurückliegenden Jahren in den zuständigen Ausschüssen vorgestellt. Eine Zahl, die in der Öffentlichkeit besondere Aufmerksamkeit erregt hat, sind die Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss.

Perspektive Bildungsgerechtigkeit

Die Ausführungen beider Referenten machten deutlich, dass das Thema Bildungsgerechtigkeit im Vordergrund der Bildungsberichterstattung beider Kommunen steht. In beiden Berichtssystemen werden kleinräumige Analysen vorgenommen und Bildungsdaten in Bezug zu Sozialdaten gesetzt. Dabei werden Datenanalyseansätze an aktuelle, wissenschaftliche Diskurse angebunden. Zum Beispiel zeigt die Forschung, dass Migranten beim Zugang zu Bildung nicht per se benachteiligt sind oder schlechtere Bildungsabschlüsse erreichen; daher müsse der sozial-ökonomische Aspekt stärkere Berücksichtigung finden. Um kommunale, bildungspolitische Strategien zu entwickeln und darauf aufbauend Bildungsprojekte auf den Weg bringen zu können, sind von den zuständigen Fachstellen bzw. Ämtern zeitintensive Anstrengungen zu unternehmen, um Impulse in Arbeitsgruppen zu setzen und Entwicklungen stetig am Laufen zu halten.

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