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Expertinnen im Gespräch: Möglichkeiten und Potenziale kommunaler Steuerung von Bildung

Sozialwissenschaftlerin Julia Klausing (l.), mit Felicitas von Küchler (r.), INBAS GmbH
Sozialwissenschaftlerin Julia Klausing (l.), mit Felicitas von Küchler (r.), INBAS GmbH

Der Expertendialog greift aus einer Meta-Perspektive die Möglichkeiten und Potenziale kommunaler Steuerung auf. Am Anfang stand die Frage des Moderators Dr. Heinz nach der entscheidenden Voraussetzung für den Erfolg von kommunalem Bildungsmanagement.

Julia Klausing, ehemalige Mitarbeiterin im Team der wissenschaftlichen Begleitung von "Lernen vor Ort" (LvO), verwies darauf, dass man nicht den einen Erfolgsfaktor identifizieren kann. Viele unterschiedliche kommunale Anforderungen und Ausgangslagen führen zu unterschiedlichen Ausgestaltungen und Entwicklungen des jeweiligen kommunalen Bildungsmanagements. Exemplarische Mindestvoraussetzung für ein erfolgreiches Bildungsmanagement sind aber ein übergreifendes Bekenntnis und vor allem ein politisches Mandat innerhalb der LvO-Kommunen. Es muss eine Information der Verwaltung (mindestens des Magistrats oder besser noch der relevanten Fachabteilungen) und Politik über das Vorhaben erfolgen. Politische Beschlüsse zu Zielen (Leitbilder o.ä.) und ein Mandat mit Aufgaben und Zuständigkeit etc. sind ein entscheidender Erfolgsfaktor für die Umsetzung und Verfestigung des Kommunalen Bildungsmanagements (KBM) in der Kommune. Neben einer personellen Konstanz war eine klare Rollen- und Aufgabenbeschreibung besonders wichtig. Die Ansiedlung von Bildungsmanagement in der Kommune war höchst unterschiedlich. Es gab Stabsstellen, die Verortung in einem Amt, oder auch Mischformen. Als Mindestanforderung hat sich aber herausgestellt, dass es eine klare Zuordnung zum Bildungsbereich geben muss. Die organisatorische Platzierung in der Verwaltung ist auch hier je nach kommunaler Bedarfs- und Ausgangslage auszurichten. Die größte Rolle für den Erfolg spielt aber der Zugang des Bildungsmanagements zu Strukturen, Routinen und Verfahren der Kommunalverwaltung.

Felicitas von Küchler, Leiterin der Transferagentur Hessen, ergänzte, dass die Schaffung von Akzeptanz und die Förderung einer positiven Kooperationskultur in der Verwaltung eine entscheidende Voraussetzung für den Erfolg des KBM darstellt.

Die Kooperation, die ämterübergreifende Abstimmung mit der Möglichkeit sich auf der gleichen Ebene oder auf unterschiedlichen Ebenen über bestimmte Fragen zu verständigen, ist Voraussetzung für gute Problemlösungen bzw. die Entwicklung von Maßnahmen. Wichtig ist die Unterstützung durch die politische Spitze oder auch die Leitungsspitze. Das "Akzeptanzmanagement" ist die operative Aufgabe des Bildungsmanagements. Diese Erfahrung hat sich auch bei der Konzipierung der Dienstleistungen der Transferagentur niedergeschlagen. Die Transferagentur konzipiert Workshops für die Kommunen, in denen für die Akzeptanz des Kommunalen Bildungsmanagements und seine Ziele und Aufgaben  bei allen beteiligten Ämtern geworben wird. Aber auch die neu mit der Arbeit beginnenden Bildungsmanager und Bildungsmonitorer erhalten in einführenden Workshops die Chance, sich mit anderen Kollegen und Kolleginnen in ähnlicher Situation auszutauschen, ihre Aufgaben zu klären und an ihrem professionellem Profil zu arbeiten.

Dr. Heinz fragte nach dem Erfolg einer nachhaltigen Verankerung des KBM im Kern der Verwaltungen. Frau von Küchler sieht die Kommunen auf einem guten Weg, dass kommunales Bildungsmanagement nicht mehr als "Add-On", sondern als ein integraler Bestandteil begriffen wird, und dass die Kommunen ihre Rolle als gestaltender Akteur zunehmend selbstbewusster wahrnehmen.

Daran schließend fragte der Moderator nach den Bedingungen für den Aufbau eines vernünftigen Handlungskonzepts. Frau Klausing berichtete aus den Erfahrungen von "Lernen vor Ort" (LvO), dass nach der Klärung der Rahmenbedingungen Strukturen und Prozesse aufgebaut wurden, um die Bildungsakteure systematisch zusammenzubringen sowie die relevanten Daten zu sammeln, auszuwerten und die Ergebnisse zu nutzen. Im Kern steht dabei gutes Netzwerkmanagement und eine überlegte Einbindung der Netzwerkbeteiligten. LvO basierte zudem auf der Erkenntnis, dass Bildungsprozesse nicht von einem einzelnen Akteur gesteuert werden können, sondern dass Steuerung auf unterschiedlichen Ebenen und zunehmend durch Netzwerke stattfindet. Zentrale Aufgabe des KBM ist daher, Akteure in tragfähigen und entscheidungsfähigen Strukturen zusammenzubringen und auf ein abgestimmtes Handeln hinzuwirken. Erfolgsfaktoren sind dabei u.a., eine zuverlässige Vor- und Nachbereitung der Netzwerkarbeit und die aktive und kontinuierliche Einbindung der Leitungsebene. Um datenbasierte Entscheidungen zu treffen und Strategien zu entwickeln, ist es wichtig, die Daten aus dem Bildungsmonitoring systematisch in Verbindung mit der Situation vor Ort (Sozialraumbezug) zu bringen.

Die Nachfrage von Dr. Heinz, wie denn kluge Entscheidungen entstehen können, beantwortete Frau von Küchler. Wichtig ist, dass sich die Akteure auf gemeinsame Ziele und Strategien verständigen. Da Bildung ein breites Thema mit vielen Facetten ist, bedarf es einer Einigung auf zentrale strategische Ziele, für die auf den verschiedenen Steuerungsebenen geworben wird. Dann müssen die Strukturen und Prozesse so gestaltet werden, dass man diese Zielsetzungen auch verfolgen und zu Entscheidungen kommen kann. Herr Dr. Heinz sprach in diesem Zusammenhang von einer doppelten Aufgabe des Bildungsmanagements. Es muss das Thema Bildung einbringen, aber auch eine Kultur der Zielfindung und Datenbasierung einführen. Dem zustimmend ergänzte Frau von Küchler, dass die Zielfindung und Datenbasierung in den Zielvereinbarungen der Transferagentur Hessen mit Kommunen eine wesentliche Rolle spielen. Daran orientieren sich auch die von der Transferagentur entwickelten Unterstützungsangebote. Diese sind aber bedarfsabhängig, sie werden bei neuen Situationslagen angepasst und weiterentwickelt.

Dr. Heinz verfolgt mir regem Interesse den Dialog zwischen Julia Klausing und Felicitas von Küchler.
Dr. Heinz verfolgt mir regem Interesse den Dialog zwischen Julia Klausing und Felicitas von Küchler.

Die Moderation lenkte die Diskussion im Anschluss dem Thema Monitoring zu: Wann ist Monitoring tatsächlich nützlich? Oder welche Funktionen muss es erfüllen, damit sich der Aufwand lohnt? Frau Klausing wies darauf hin, dass Ergebnisse des Bildungsmonitoring durchaus zu Veränderungen der strategischen Zielsetzungen geführt haben, weil ein anderer Bedarf festgestellt wurde. Die Daten müssen interpretiert werden, das ist nicht nur eine Aufgabe des Bildungsmonitoring selbst, sondern der Verwaltung, der Leitungsebene und der Politik. Allerdings ist die Dateninterpretation auch schwierig und Frau von Küchler machte deutlich, dass  die Transferagentur bereits darüber nachdenkt, wie die kommunalen Akteure dabei unterstützt werden können. Dabei geht es einerseits um eine Routine der Interpretation und andererseits um die Befähigung der Akteure aus bestimmten Bildungsbereichen, sich in diesen Daten wiederzufinden, sie zu interpretieren und auch mit ihrem Expertenwissen auf diese Daten zu reagieren. Die Transferagentur wird jeden Prozessschritt berücksichtigen, beginnend bei der Auswahl der Indikatoren für einen Bildungsbericht je nach kommunaler Situation, bis hin zur Interpretation und zu den Handlungsempfehlungen. Herr Dr. Heinz brachte seine Erfahrung als Bürgermeister ein, dass er nur geringe Zeitressourcen hatte, Bildungsberichte zu lesen. Die Leitungsebenen brauchen die Interpretationen und die Handlungsempfehlungen, an denen sie weiterdenken können. Frau von Küchler stimmte zu, erinnerte aber daran, dass "Lernen vor Ort" überhaupt erst die Basis für eine Vielzahl von kommunalen Bildungsberichten gelegt hat. Ein Bildungsbericht mit Handlungsempfehlungen stellt eine Weiterentwicklung dar, erfordert aber kommunale Verständigung, Zielorientierung und "Abstimmungsschleifen" in der Kommune.

Zum Schluss wurde das aktuelle Thema "Flüchtlinge" als Herausforderung für KBM diskutiert. Frau Klausing stellte fest, dass Kommunen zwar im Bildungsmanagement ein übergreifendes Portfolio entwickeln, gleichwohl sich aber immer auf bestimmte Themen fokussieren müssen. Frau von Küchler fügte hinzu, dass vor dem Hintergrund einer kommunalen Gesamtverantwortung für Bildung im Lebenslauf, sich immer Themen in den Vordergrund schieben, die die Kommune meint dringend bearbeiten zu müssen. So kommt das Bildungsthema für Flüchtlinge von außen auf die Kommunen zu, kann aber auch von den Kommunen genutzt werden, um Bildung wieder mehr in die Öffentlichkeit zu bringen und Strukturen aufzubauen. Die kommunale Verantwortung für Flüchtlinge hat auch eine Chancenkomponente, nochmals die eigenen Strukturen, Lenkungsstrukturen, Steuerungsstrukturen und -prozesse zu überdenken und zu entwickeln. Dabei zeigt sich, dass Kommunen, die ein gutes kommunales Bildungsmanagement aufgebaut haben, dies hervorragend für die Flüchtlingsfragen nutzen können, wie auch Dr. Heinz feststellte.

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